Der Schauspieler

als Mephistopheles 1954 am Deutschen Theater

»Mit Ernst Busch ist ein neuer Darstellertyp ins Theater, in den Film getreten: der radikale Volksschauspieler, radikal im umfassenden Sinne, politisch und künstlerisch. Ernst Busch ist einer der wenigen, die mimische Kunst und wörtliche Aussage miteinander verbinden. Er ist Darsteller, auch wo er rezitiert, und Schauspieler, auch wo er singt. Nicht wie ein guter Sänger, der Arien gestisch interpretiert, sondern als ein genialer Schauspieler, der an gewissen Punkten der Rolle (oder auf Rezitations-Matineen) den musikalischen Ton zur Verdeutlichung des Wortes braucht. So steht Ernst Busch in der vordersten Linie der Künstler, die auf der Bühne die Waffe der Sprache schmieden.«
(Herbert Jhering, Von Reinhardt bis Brecht, Berlin 1961, S. 18)
Dies schrieb Herbert Jhering, der profunde Kenner schauspielerischer Arbeit, schon 1932. Und er ergänzte im nämlichen Jahr: »Ernst Busch, heute schon fast ein Klassiker des Songs, ist als Schauspieler noch nicht zu der Bedeutung gekommen, die er verdient. Aber so ist es meistens: berühmt wird jemand durch seine Nebenleistungen, das Wesentliche setzt sich später durch. Heute kommt noch etwas anderes hinzu. Was nützt es einem Schauspieler, schlagend und knapp zu spielen, wenn neben ihm nuanciert und gedehnt, zerfasert und pointiert wird. Wie kann sich ein moderner Darsteller durchsetzen, wenn er isoliert bleibt, und die Künstler seiner Generation und Art bald hier, bald da auftauchen, fortgeschwemmt vom großen Prominentenstrudel (...) Ernst Busch, der seinen ersten Erfolg mit Mühsams „Judas" und seinen letzten mit Paul Schureks „Kamrad Kasper" hatte, ist als Anfänger beinah zu „sachlich" in seiner Diktion gewesen. Er sprach so gedrängt, daß sich die Worte stießen, so gepackt, daß sie sich nicht rühren konnten, so intensiv, daß sie zersprangen. Busch sprach inhaltlich, das war sein Vorzug. Er sprach aber auch akzentuiert, sodaß der Inhalt wieder aufgehoben wurde. Auf dem Umweg über seine Songs ist Busch lockerer geworden. Es gibt heute kaum noch ein Arbeiterlied, das Busch nicht in der Revue und im Kabarett, im Film und auf der Platte gesungen, sehr schön gesungen hätte. Der „Wohllaut" seiner Stimme verführte ihn, im Couplet und im Song manchmal zur „Tauberei", zum leisen Startum. Aber dieser Erfolg machte ihn auch sicherer und seine Schauspielkunst freier. Der rauhe, norddeutsche Schauspieler Ernst Busch, der in Kiel noch den Marc Anton und das klassische Repertoire spielte, lernte die Sätze zu disponieren, übersichtlich zu gliedern, ohne von der Schärfe und Kälte seiner Diktion etwas aufzugeben. Niemals wird Ernst Busch den Inhalt des Textes zugunsten einer Stimmung erweichen, niemals den Sachverhalt einer Rolle zugunsten einer psychologischen Malerei fälschen oder umdichten. Das macht Ernst Busch zum Darsteller zielgerichteter, aktiver, politischer Rollen. Ob Busch ein Romankapitel liest oder einen Heimkehrer aus dem Kriege spielt - immer behält er seine harte und feste, auf den Sinn losgehende, den Gehalt heraushebende Sprechweise bei. Kein Stimmungskünstler (obwohl er im Song manchmal dazu verführt wurde), kein Seelenschilderer (obwohl manche Rolle ihn dazu hätte verleiten können), kein farbiger Komödiant (obwohl er in „Lumpacivagabundus" einen solchen Zuschuß hätte gebrauchen können), sondern ein unbeirrter Tatsachenschauspieler, knapp und demonstrativ, mutig und beherrscht. Kein öder Deklamator der Revolution, kein „Oh-Mensch"-Pathetiker, kein Naturalist oder Nuancenjäger der Kulissenwirklichkeit, sondern ein kriegerischer Künstler des Tages, der Gegenwart von 1932.«
(Herbert Jhering, Von Reinhardt bis Brecht, Berlin 1961, S. 18)


als Semjon Lapkin mit Helene Weigel in „Die Mutter“ von Brecht
am Berliner Ensemble (1951)
 

während einer Tucholsky-Matinee 1957 am Deutschen Theater

Zutiefst bewegend, ergreifend, als Ernst Busch nach 1945 wieder sang. Das Solidaritäts-Lied, das Lied von der Einheitsfront, die Lieder von Brecht/Eisler, die Vertonungen von Tucholsky, Weinert, Becher, Wedekind, Mühsam, Majakowski. Seine feste, klare Stimme, seine gedankliche Schärfe, seine Kraft im Vortrag leben und überzeugen. Bald feierte er auch am Theater wieder Triumphe. Als Mephistopheles neben Wolfgang Langhoff (Faust) am Deutschen Theater, als Feldkoch in Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“ neben Helene Weigel und Erwin Geschonneck am Berliner Ensemble, und als Brechts Galilei, ebenfalls am Berliner Ensemble.

als Feldkoch mit Erwin Geschonneck in „Mutter Courage und ihre Kinder“ von Brecht (1951)

Auf dem Trauerakt der Akademie der Künste der DDR im Juni 1980 entwarfen der Minister für Kultur, Hans-Joachim Hoffmann, und der Präsident der Akademie der Künste der DDR, Konrad Wolf, ihr Bild des Künstlers Ernst Busch. »Ernst Busch«, sagte Hans-Joachim Hoffmann, »wuchs in der Atmosphäre einer klassenbewußten proletarischen Familie auf. Früh lernte er die Probleme und Kämpfe der Arbeiter kennen. Seine tiefe Liebe zum Menschen, zu seinem Volk und zu seiner Klasse ließen ihn bereits in jungen Jahren zum Kommunisten werden. Als im Herbst 1918 ganz Deutschland von einer Welle revolutionärer Kämpfe erschüttert wurde, nahm er an der Seite der revolutionären Kieler Matrosen seinen Platz ein. Hier verband er sich für immer mit dem Kampf der Arbeiterklasse (...) Auf zahllosen Arbeiterversammlungen und Kundgebungen der Kommunistischen Partei sang er mit seiner unwiederholbaren, klangvollen Stimme und dem ihm eigenen revolutionären Temperament die Lieder der kämpfenden Massen (...) Sehr bald hatte er sich auch eine herausragende Position in der Bühnenwelt geschaffen, besonders im Theater Piscators. Er spielte den Franz Rasch in Friedrich Wolfs „Matrosen von Cattaro", den Pawel in Brechts „Mutter", und er wirkte auch in einem der ersten revolutionären Spielfilme der deutschen Arbeiterklasse, in Slatan Dudows „Kuhle Wampe", mit. Dem grausamen faschistischen Terror gegen die Kommunisten und alle fortschrittlichen Kräfte entging Ernst Busch vorerst durch die Emigration nach Holland und Belgien. Seine Stimme - Anklage und Aufruf zugleich - erklang über Radio Hilversum, über die Sender Brüssel und Beromünster, erfüllte die Säle von Amsterdam, Cent, Antwerpen und vielen anderen Orten Belgiens und Hollands. Sie vervielfachte ihre Wirkung, als der Sender Moskau sie übertrug (...) Erfüllt vom Bewußtsein bedingungsloser revolutionärer Pflicht und brüderlicher Solidarität eilte Ernst Busch an die Front nach Spanien. Zuversicht, Kampfesmut und zornige Anklage erklangen nun in den Schützengräben Spaniens... Was Wunder, wenn ihn die finstersten Kräfte der Reaktion stets verfolgten und sein Leben bedrohten. Er wurde von französischen Behörden am Ende des Spanienkrieges der faschistischen Gestapo ausgeliefert, und es folgten fünf Jahre der Gefangenschaft in französischen und deutschen Zuchthäusern, ständig in Todesgefahr lebend. Die Solidarität seiner Freunde in aller Welt, (...) haben sein Leben gerettet. Seine großen politischen und künstlerischen Erfahrungen, gewachsen und gereift in den Klassenschlachten der zwanziger und dreißiger Jahre sowie im unerbittlichen Kampf gegen den Faschismus, stellte er uneingeschränkt in den Dienst der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung (...)«
(Hans-Joachim Hoffmann, Rede auf dem Trauerakt der Akademie der Künste der DDR, in: Mitteilungen der Akademie der Künste der DDR, Berlin, Nr. 5/1980, S. 3)



als Galilei (1957)

Konrad Wolf sagte u.a.: »Ernst Busch, der Arbeiter. Ich habe kein genaueres Wort für ihn gefunden. Arbeiter - im Sinne der Klasse und im Wortsinn des Arbeitens. Jeder, der sich ihm näherte, mußte wissen, daß er sofort in Arbeit gezogen wird. Als seine Kunst schon klassisch geworden war, unterwarf Busch noch immer jede seiner Aufnahmen der striktesten Selbstaufsicht. Eine Platte, die er endlich freigab, ließ ein Gebirge von Versionen hinter sich. Die vielen Platten, die Busch in Verbindung mit der Akademie herausgebracht hat, gehören zum kostbarsten Besitz der sozialistischen Kunst unseres Landes, ja der Welt des Fortschritts (...) Wo Busch war, war ein Energiezentrum (...) Dabei war Busch nie das, was man gesellig nennt. Er machte es seinen Freunden nicht bequem, er war anstrengend und sein Zorn gefürchtet. Er verband durch Arbeit, und hier, in der Arbeit, konnte er beispiellos unduldsam sein. Busch hat es sich nie leicht gemacht, und es ist ihm auch bei uns nicht immer leicht gemacht worden. Weil er offen gefochten hat, auch mit Gleichgesinnten. Aber zu keiner Stunde ließ er Zweifel darin aufkommen, auf welcher Seite der Barrikade er steht. In der Klassenfrage kannte er keine Kumpanei. Gerade in Zeiten, die manchem undurchsichtiger scheinen und einige wankend gemacht haben, war es gut, einen Genossen wie Ernst Busch neben sich zu wissen. Er ist ein Maß. Wer die Fronten wechselt, verläßt auch ihn, wer sie nicht mehr sieht, hat von ihm nichts begriffen.«
(Konrad Wolf, Rede auf dem Trauerakt der Akademie der Künste der DDR, in: Mitteilungen, a.a.O., S. 4)


1951 hatte Bertolt Brecht über Buschs Gestaltung des Semjon Lapkin in der „Mutter“ geschrieben: »Busch geht bei der Gestaltung des revolutionären Arbeiters sparsam mit Gefühlen um. Es ist die Sparsamkeit des Mannes mit großen Ausgaben. Diese Menschlichkeit hat Klugheit, Mut und Zähigkeit zur Verfügung. Das Eminente an Buschs Kunst ist, daß er eine künstlerische Werkzeichnung abliefert. Die neuen Elemente, aus denen er die Figur baut, machen die Leistung unvergeßlich, aber sie bewirken auch, daß nur wenige Zuschauer sogleich gewahr werden, welche Bedeutung diese Leistung hat. Nicht ohne weiteres nennt ihn jeder einen großen Schauspieler - wie ja auch das Mittelalter, gewohnt an die Alchemisten, die Chemiker nicht ohne weiteres große Gelehrte nannten.«
(Bertolt Brecht über Ernst Busch, zitiert in Theater der Zeit, 1/1980, S. 6)


»Alljährlich seit 1981, am 22. Januar zu seinem Geburtstag, am 8. Juni zu seinem Todestag, begab sich eine kleine Delegation von Dozenten und Studenten auf den Weg zu Ernst Buschs letzter Ruhestätte auf dem Friedhof Berlin-Pankow, unmittelbar hinter seinem Wohnhaus. Diese kleine Geste der Hochachtung und der Würdigung des kommunistischen deutschen Schauspielers und Sängers war geringster Teil der Bemühungen an der Hochschule, das Andenken an sein Wirken wach zu halten. Es gehörte zum Studienprogramm, die Studenten mit dem erfüllten Leben Ernst Buschs vertraut zu machen.«
Aus 100 Jahre Schauspielschule Berlin von Gerhard Ebert